von Heiko Rothenpieler

DINGE DES FUSSBALLS

 

 

 

„Ich habe das Teil auch, weil es vielleicht bleibt, wenn ich mal nicht mehr bin. Also das ist dann halt noch da, verstehst du? Wenn ich meinen Schal anschaue, dann ist das so, als ob ich mein ganzes Leben anschaue. Wo der Verein war, als ich klein war. Wie der Fußball war. Die Welt und all das. In dem Schal ist das alles drin.“ (Rolf, 58)

 

 

 

 

 

„Ich war nie ein Sammler. Mein Zimmer war nie voller Schals oder Wimpel. Das macht Fansein nicht aus, deshalb ist man nicht weniger oder mehr Fan. Wenn ich aber meine Schublade aufmache und mein braunes "Weltpokalsiegerbesieger"-Trikot sehe, dann denke ich sofort an diesen einen Tag in Essen. Erst das Shirt ruft das hervor, der Kopf alleine verdrängt so etwas ja gerne.“ (Grischa, 32)

 

 

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700 Trikots

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Es kam vom Hörensagen, dass er wohl ein paar Trikots aufbewahrt. Im Ort kennt man ihn, den Architekten und zweiten Vorsitzenden des Sportvereins. Von seiner Sammlung aber weiß kaum jemand. Einer der Dorfbewohner meinte unsicher: „Mmh, das weiß ich nicht genau. Ich glaube aber, dass er ein paar Trikots zu Hause hat. Keine Ahnung wie viele.“ Darüber zu reden war nie seine Absicht, darum geht es ihm nicht, ist nicht der Sinn seines Sammelns. Nirgends hatte er seine Trikots je ausgestellt, nie waren sie auf Tauschbörsen gewesen. Einige von Ihnen trägt er hin und wieder beim Ü50-Training im Verein. Beäugt werde er dann schon des Öfteren, sagt er. Einige Trikots seien eben etwas ausgefallener, nicht immer schön und manchmal von Vereinen, die manche kaum aussprechen können. Am Telefon wirkt er bescheiden:

 

„Ja, das ist schon richtig, dass ich ein paar Trikots habe.“

„Wie viele sind den ein paar?“

„Mmh…so in etwa 700.“

 

Ein großes Grundstück mit Gartenhäuschen, vierzig Kilometer von der nächsten Autobahn entfernt. Nebenan röhrt ein Rasenmäher, Äste knacken. Gegenüber erholt sich ein glänzender Kombi von seinem Waschgang. Friedliche Klischees eines provinziellen Samstagnachmittags. „Die Schuhe kannst du anbehalten“, sagt er und bittet herein. Es riecht nach gebratenen Bratwürsten. In der Küche bereiten seine Frau und sein Sohn ein deftiges Mittagessen vor. Nichts weist auf Fußball hin. „Also, wir gehen dann mal runter“, sagt er zu seiner Frau, dann geht er voran.

 

Eine Etage tiefer betritt er „seinen“ Raum. Ein paar Lichtstrahler an der Decke beleuchten das fensterlose Zimmer. Drei von ihnen sind auf vier lange Kleiderstangen ausgerichtet. 700 Trikots hängen daran, er kennt jedes Einzelne, kann zu jedem etwas sagen. Hier nur eine Anekdote, da eine ganze Reise, von Algerien bis Schottland, Erinnerungen an besondere Spiele, Familienurlaub und Wochenend-Trip mit der alten Clique. Dass es bloß 700 sind, hat mehrere Gründe. Ein Grund ist seine Jugendzeit, in der ein eigenes Trikot des Lieblingsvereins keine Selbstverständlichkeit war:

Der erste Stadionbesuch löste etwas aus in dem damals 14-Jährigen. Viele Spiele folgten, einige davon prägend, andere zum Vergessen. Das Finale im UEFA Pokal 1979 aber ist so präsent, als ob es gestern gespielt worden wäre. Für einen pubertären Jungen bleiben „Allan Simonsen und so“ bis heute in Erinnerung und sofort abrufbar. In der 15. Spielminute fädelt Simonsen so geschickt ein, dass der Schiedsrichter auf Strafstoß entscheidet. Simonsen tritt selbst an und verwandelt zum 1:0-Endstand. Borussia Mönchengladbach holt den bis heute letzten Titel auf internationalem Parkett, Allan Simonsen wird mit neun Treffern Torschützenkönig der Europapokal-Saison. Als die Spieler jubelnd zum Mittelkreis zurücklaufen, schwenkt das Fernsehen auf die Fans im Rheinstadion. 45000 sind gekommen, einer von ihnen ist ein 14-jähriger Junge. Der Tag im Rheinstadion wird sein Leben nachhaltig beeinflussen. Noch weiß er nicht, dass 16 Jahre später sein Sohn zur Welt kommen wird. Auch er wird die Borussia begleiten, viel exzessiver als sein Vater. Heute teilen sich beide einen Fundus aus 35 Gladbach-Trikots, auch sie sind Teil der Sammlung.

„Ich weiß gar nicht, ab wann es überhaupt Spielertrikots zu kaufen gab. Merchandising existierte ja nicht, so wie es heute der Fall ist. Mein erstes Trikot war deshalb eigentlich gar keines, sondern vielmehr ein weißes T-Shirt, in dem das Wappen des Vereins auf einem grünen Kreis genäht war. Darunter standen noch die Jahre der fünf deutschen Meisterschaften und das war es dann auch“, erinnert sich der heute 53-Jährige.

 

Als Ende der Achtziger das World Wide Web seine ersten Schritte macht, geht in Deutschland zeitgleich die erste Ausgabe der Sport Bild vom Band. In Zeitschriften wie der Spor Bild konnte seine Generation nach Fanartikeln stöbern. Trikots der vorherigen Saison gerieten auf diesem Weg nicht in Vergessenheit, sondern fanden für 29 DM (Sport Bild, 1990) neue Besitzer. Von einer Trikot-Börse aber konnte keine Rede sein und Fanartikel wie Schals oder Fahnen strickten oder nähten sich Fans selbst.

 

Auch deshalb braucht es über zwanzig Jahre, bis aus dem Gladbach-Fan ein Trikot-Sammler wird. Auf einem Siegener Flohmarkt beginnt schließlich das Hobby, der Online-Marktplatz Ebay öffnet ihm gleichzeitig auch die Möglichkeit, an internationale Trikots zu gelangen.

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    Joanna McLellan

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